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TV-Star Claudia Michelsen: "Jeder Tag ist ein Neuanfang"

Grimme-Preis, Goldene Kamera, Schauspielerin des Jahres: Claudia Michelsen (52) gilt spätestens seit 'Ku’damm' als eine der ganz großen Darstellerinnen des deutschen Films. Ein Gespräch über Neugier, wechselnde Horizonte und das Glück der Jahreszeiten.

Schauspielerin Claudia Michelsen.
Schauspielerin Claudia Michelsen 2020 auf der 'UFA Anniversary Gala' in Berlin. Foto: IMAGO / POP-EYE

Sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern: Wir lieben sie als damenhafte Tanzschulchefin Caterina Schöllack in der 'Ku’damm'-Reihe, aber auch als seelisch aufgeriebene Magdeburger Kommissarin Doreen Brasch im 'Polizeiruf 110'. Claudia Michelsen (52) ist vielseitig, vielleicht, weil sie mit Leib und Seele Theaterschauspielerin ist. Schon als Kind verbringt die gebürtige Dresdnerin ihre Freizeit am liebsten im Theater, mit 16 bewirbt sie sich an der Schauspielschule. Mit 'Meins' spricht die Wahl-Berlinerin über ihr bewegtes Leben und ihren neuen Film 'Immer der Nase nach'.

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'Meins': In Ihrem Film spielen Sie eine Dekorateurin, der viele Aufträge wegbrechen. Ein Phänomen, das viele Künstler gerade erleben. Haben Sie selbst auch noch manchmal Existenzängste?

Claudia Michelsen: Ich hatte großes Glück. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen. Wir konnten „Ku’damm“ zu Ende drehen und haben einen 'Polizeiruf' und die Komödie gedreht. Die Wucht, mit der es die freischaffende Kultur- und Veranstaltungsbranche getroffen hat, ist kaum auszuhalten oder zu beschreiben. Es geht einem besser in diesem Land, wenn man fest angestellt oder gar verbeamtet ist. Aber was wären wir alle ohne die Kunst, ohne Musik, ohne das, was die Sinne und die Seele bewegt und inspiriert?

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Von 1994 bis 2001 waren Sie in Amerika. Wie kam es dazu?

Anfang der 90er-Jahre war Berlin einfach schwer erträglich für mich. Ich konnte mich damals nicht zurechtfinden. Die Leute waren in Aufbruchsstimmung. Aber im Prinzip waren viele mit sich selbst beschäftigt und überfordert, wie geht das, freie Marktwirtschaft? Man musste sich neu sortieren. Ich wollte eigentlich nach Paris, denn mein Traum war immer Frankreich. Und dann kam die Liebe, und alles wurde anders. Amerika war sehr heilsam für mich, all die Jahre, die ich dort gelebt habe.

Und was haben Sie mit Paris verbunden?

Sartre und Simone de Beauvoir. Ich hätte gern in der Existenzialisten-Zeit dort gelebt. Literatur und Film, ein endloses Feld der Entdeckungen. Paris, Südfrankreich, die Sprache, das Licht, das Leben an sich. Es gibt viele Gründe.

Aber es kam anders …

Ja, ich bin nach Amerika gegangen und habe das Theater hinter mir gelassen, das eigentlich meine Welt war, in die ich sehr jung hineingekommen bin. Aber zu der Zeit war es gut, in ein Land zu gehen, wo die Leute sehr wenig über die DDR oder die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz oder das Deutsche Theater wussten. Das war mein Horizont, und mehr gab es nicht, dabei war der schon groß und auch sehr wichtig für mich in diesen Jahren.

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Hatten Sie keine Ambitionen, damals in Hollywood Karriere zu machen?

Ich hatte damals tatsächlich eine große Agentur, die mich betreut hat. Trotzdem habe ich nach einer Weile den berühmten Stecker gezogen, weil mir das alles zu viel war und ich mich um meine erste Tochter kümmern wollte. Es war einfach harte Arbeit, am Tag drei Castings zu machen und von A nach B und von B nach C zu fahren. Das konnte und wollte ich nicht. Und sie wissen ja, Billy Wilder sagte schon: "It’s just another movie." Die Vergänglichkeit auch von Ruhm …

Hatten Sie Sehnsucht nach Europa?

Nach der langen Zeit in Amerika war meine Sehnsucht nach Europa, Kultur und danach, einfach zu Fuß gehen zu können, riesig. Und ich bin froh, dass meine Kinder letztlich doch in Europa aufgewachsen sind. Aber ich möchte beides nicht missen.

War es ernüchternd, nach der langen Zeit wieder zurückzukommen?

Als ich zurückkam, fand ich auf einmal Jahreszeiten ganz wunderbar. Das habe ich vorher nicht so empfunden. An den teilweise rauen Umgangston in Deutschland möchte ich mich bis heute nicht so wirklich gewöhnen und versuche, dem immer entgegenzuwirken. Funktioniert gut.

Thema Älterwerden – haben Sie es sich so vorgestellt?

Ich habe mir das bisher kaum vorgestellt, sondern fange jetzt erst wirklich an, mir Gedanken darüber zu machen, weil ich ja meistens sehr mit anderen Dingen des Lebens beschäftigt war. Ich habe zwei wunderbare Töchter, um die ich mich kümmern durfte, die nun langsam eigene Wege gehen. Das ist neu für mich, und ich bin gespannt, was sich jetzt so alles eröffnet und was diese Zeit bringt. Alles ist möglich.

Eine neue Freiheit?

So weit bin ich noch nicht. Aber wahrscheinlich eine andere Form von Freiheit. Es war ja bisher auch ganz wertvoll und frei (lacht).

Wie sind Sie im Leben mit Neuanfängen umgegangen?

Es war teilweise richtig schwer. Darum sage ich auch immer, das Leben ist ein Auf und Ab. Es gibt Täler, durch die man muss, und dann gibt es Berge, die man erklimmen muss, das gehört ganz einfach dazu. Ich finde, jeder Tag ist ein Neuanfang, aber auch eine Chance. Was machst du aus dem Tag? Am Abend ist er vorbei und kommt nie wieder. So gesehen sind wir im konstanten Neuanfang.

Einige können sich gut darauf einlassen, andere tun sich damit schwerer. Wo würden Sie sich selbst einordnen?

Ich kann mich sehr gut auf Neues einstellen. Das ist vielleicht auch ein bisschen meiner Arbeit als Schauspielerin geschuldet, ich fange ja bei jedem Film wieder bei null an. Und Neugier ist mein wichtigstes Tool.

Sie haben in Ihrem Beruf eine große Karriere gemacht. Hätten Sie sich auch vorstellen können, in die Politik zu gehen?

Nein, ich vertraue auch keinem Politiker. Für mich steht per se schon die Lüge im Raum, wenn die meisten den Mund aufmachen. Ich würde nie in die Politik gehen wollen, es sei denn, ich könnte die Familien- und Bildungspolitik in Deutschland ändern.

Verraten Sie uns noch, was Ihre Pläne für die nächste Zeit sind?

Jetzt mache ich erst mal eine Pause. Ich habe dieses Jahr zwei Filme gemacht. Und ab Herbst mache ich viele Lesungen und drehe zwei 'Polizeirufe' hintereinander. Ich versuche, ähnlich wie meine Filmfigur Tanja, mehr anzuhalten, mehr Stopps zu machen. Innezuhalten.

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Am 26. August 2021 ist Claudia Michelsen in ihrem neuen Film 'Immer der Nase nach' (20:15 Uhr, ZDF) im TV zu sehen.