Niedrigschwellige Angebote

Bundesweite Kampagne gegen Impfmüdigkeit

Noch immer sind in Deutschland zu wenig Leute geimpft - vor allem mit Blick auf den nahenden Herbst eine beunruhigende Entwicklung. Mit einer groß angelegten Aktionswoche, die am Montag startet, will die Bundesregierung der zunehmenden Impfmüdigkeit entgegensteuern.

Eine ältere Frau wird im Arm geimpft.
Am Montag startet die Regierung mit einer bundesweiten Impfkampagne. Foto: iStock / Prostock-Studio

Während die Corona-Infektionszahlen wieder steigen, gerät die Impfkampagne der Bundesregierung ins Stocken. Dabei warnen Fachleute schon lange vor einer vierten Corona-Welle.

Mit einer neuen Impfkampagne, die am Montag, 13. September, anläuft, soll die Impfbereitschaft der Deutschen jedoch wieder an Fahrt gewinnen.

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Bundesärztekammer-Präsident fordert Neuaufstellung der Impfkampagne

Zum Start der einwöchigen Kampagne meldete sich unter anderem Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt zu Wort. Er gehe davon aus, dass viele Ungeimpfte nicht per se das Impfen verweigern. "Um diese Unentschlossenen zu erreichen, muss die Impfkampagne in Deutschland komplett neu aufgestellt werden." Dafür fordert er zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen und niedrigschwellige, kreative Impfangebote.

Die Impfquote sei in ganz Deutschland und insbesondere in den östlichen Bundesländern zu niedrig, warnte Reinhardt im Hinblick auf die bevorstehende kalte Jahreszeit.

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Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) appellierte an alle Ungeimpften, die Angebote zu nutzen. "Impfen, impfen, impfen" sei nicht nur der Weg , die vierte Welle und die Ausbreitung von Virusvarianten wie Delta gering zu halten, es sei auch der Weg hinaus aus der Pandemie. Derzeit erlebe das Land eine "Pandemie der Ungeimpften", warnte Spahn. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuinfektionen sei bei nicht geimpften Personen deutlich höher als bei geimpften. Bis zu 95 Prozent der Krankenhauspatienten, die derzeit wegen einer Corona-Erkrankung behandelt würden, hätten sich nicht gegen das Virus impfen lassen. Für ihn sei es zudem verwunderlich, wie viele Personen nicht geimpft seien, obwohl sie eigentlich gar kein Problem mit der Vorstellung hätten. Doch oft habe es bislang an "einfachen Gelegenheiten" gefehlt, um sich impfen zu lassen. Dies soll sich in der kommenden Woche ändern.

Erfahren Sie in dem Video, wie Sie sich nach einer Corona-Impfung verhalten sollten (Der Artikel geht unter dem Video weiter)

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Neue Impfkampagne in enger Zusammenarbeit mit den Ländern

Die Bundesregierung ruft ab Montag gemeinsam mit den Ländern dazu auf, an möglichst vielen Orten einfach wahrzunehmende Angebote zu machen – etwa in Sportvereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Apotheken oder Mehrgenerationenhäusern, mit dem Motto: "Hier wird geimpft".

Tipp: Auf der Internetseite hierwirdgeimpft.de können Sie anhand Ihres Wohnortes nach Angeboten in Ihrer Nähe suchen.

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Sachsen und Thüringen sind Schlusslicht

Im Juli hatte das Robert Koch-Institut (RKI) berechnet, dass sich eine vierte Welle eventuell verhindern lasse, sollte bundesweit eine Impfquote bei den 18- bis 59-Jährigen von 85 Prozent erreicht werden. "Das haben wir nicht geschafft. Wir haben es aber noch in der Hand, wie sich die Welle entwickeln wird", betonte Wieler.

Die Bundesländer Sachsen und Thüringen sind derzeit die mit den geringsten Impfquoten.

"Wir sehen, dass Aufklärung und Gespräche wichtig sind, um die Menschen zu überzeugen, die noch zögern", erklärte die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) zum Start der Impfkampagne. Man nutze alle verfügbaren Kanäle.

Auch die thüringische Sozialministerin Heike Werner (Linke) appellierte an die Bürger, Angebote zu nutzen. "Wir betreiben viel Aufwand, um die Impfungen so nah wie möglich zu den Menschen zu bringen", sagte Werner - etwa in Einkaufszentren, bei Sportveranstaltungen und ohne Termin.

Resignation kommt dagegen aus der Hauptstadt: "Wir haben sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Dienstag. Man habe auch auf Brief- und Medien-Kampagnen verwiesen sowie auf niedrigschwellige Angebote. Doch alles laufe zäh. "Ich komme jetzt an einen Punkt, wo ich denke, vielleicht haben wir das, was wir machen können als Politik, auch ausgereizt."

An der Spitze stehen laut Minister Spahn die Länder Bremen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Schleswig-Holstein: Dort gibt es jeweils Impfquoten von mehr als 70 Prozent.

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Impfquote in Deutschland bleibt zu niedrig

Der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, forderte von allen Erwachsenen, sich aus Rücksicht auf Kinder impfen zu lassen. "Es ist vollkommen rücksichtslos, sich nicht impfen zu lassen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Den Kindern sei in den vergangenen Monaten durch die Schließung von Schulen und Kitas sehr viel abverlangt worden, um die Älteren zu schützen. Jetzt müsse die Rücksichtnahme in die andere Richtung gehen.

Bisher sind in Deutschland 61,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 65,9 Prozent haben mindestens eine Impfung. Bei der Bevölkerungsgruppe der über 60-Jährigen liegt die Impfquote immerhin bei 83 Prozent. Bei den Erwachsenen zwischen 18 und 60 Jahren liegt die Quote jedoch nur bei 65 Prozent.

Um die vierte Welle der Pandemie noch abzuflachen, wird eine Impfquote von 80 bis 90 Prozent in der Gesamtbevölkerung als nötig erachtet, oder genauer: 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren müssten dafür vollständig geimpft sein.

Auch aus anderer Richtung kommen alarmierende Worte. So warnte etwa der Direktor der Virologie am Universitätsklinikum Essen, Ulf Dittmer, vor einer Überlastung der Intensivstationen. "Wir machen uns langsam das Gesundheitssystem kaputt", sagte er der "Rheinischen Post".

Forderung nach Impfpflicht wird lauter

In Dittmers Klinik liege die Zahl der Kranken mit schweren Symptomen bei 23. Davon seien 20 ungeimpft, der Jüngste sei 20 Jahre alt.

Dittmer forderte deshalb eine Diskussion über die Impfpflicht. "Darüber müssen wir reden", sagte er. Schon jetzt gebe es in Nordrhein-Westfalen keinen freien Platz mehr für die Behandlung mit einer Herz-Lungen-Maschine.

Auch der berühmte Berliner Charité-Virologe Christian Drosten ist pessimistisch, dass Deutschland allein durch Impfangebote eine akzeptable Impfquote in der Corona-Pandemie erreichen kann. Schon in der vergangenen Woche sagte er im Podcast 'Das Coronaviurs-Update' von NDR Info, dass er als Hauptgrund eine gewisse Gleichgültigkeit in der Bevölkerung beobachte. Drosten geht ebenfalls nicht davon aus, dass Deutschland über Ansprache der Bevölkerung noch viel weiter komme mit der Impfquote. "Und darum glaube ich, dass die Politik eine schwere Aufgabe vor sich hat und konsequent auch Entscheidungen treffen muss bald." Gefragt worden war Drosten in diesem Zusammenhang auch nach einer Impfpflicht als Option.

Nicht zuletzt sprach sich dann auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, für schärfere Regeln mit Ungeimpften aus. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte er: "Um die vierte Welle zu brechen, bevor sie dramatisch wird, sollte man jetzt bundesweit überall dort, wo es möglich ist, eine 2G-Regel einführen." Eine 3G-Option, also eine Regel, die auch für Ungeimpfte mit negativen Corona-Test gelte, halte er nur noch in Ausnahmefällen - etwa im öffentlichen Nahverkehr - für sinnvoll. "Ungeimpfte müssten dann einen aktuellen PCR-Test vorweisen. Ein einfacher Schnelltest dürfte nicht mehr ausreichen", sagte er. Eine solche erweiterte 2G-Regel könne der nötige Anreiz sein, sich impfen zu lassen, hofft der Radiologe.

Gesundheitsminister Spahn hingegen betont, dass die Impfung weiterhin freiwillig bleiben soll. Er setzt weiterhin auf niedrigschwellige Angebote und Aufklärung.